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Humboldt-Universität zu Berlin - AG Gesundheitsförderung

Betroffene berichten

Ein etwas unorthodoxes Gespräch über Alkoholismus


"Alkoholiker sind Menschen, die einfach nicht zivilisiert mit Alkohol umgehen können. Deshalb sollten sie die Hände ganz vom Alkohol lassen oder sich eben zu Tode saufen."

Ich denke, eine solche oder ähnliche Auffassung hat sich in der breiten Masse der Bevölkerung durchgesetzt. Eine solche Auffassung ist in ihrem Kern auch gar nicht so verkehrt. Es stimmt, dass Alkoholiker mit ausgeprägtem Krankheitsbild vom sozialen Umfeld nur schwer oder gar nicht zu ertragen sind. Es stimmt, dass sich Alkoholiker zu Tode saufen können. Es stimmt, dass all die, die es schaffen, gänzlich auf Alkohol zu verzichten, nie wieder ein Alkoholproblem haben werden.

All zu oft wird jedoch verdrängt, dass sowohl das Leben im allgemeinen als auch der Alkoholismus im Besonderen nicht ganz so einfach zu regulieren sind. Alkoholiker können nicht einfach vom Alkohol lassen. Alkoholiker haben das Mittel Alkohol in ihre Lebensabläufe fest eingebaut. Nimmt man ihnen ihr Mittel weg, so bricht für sie eine ganze Welt zusammen. Nicht nur, dass der Körper ohne Alkohol verrückt spielt, auch der Lebenssinn scheint verloren zu gehen. Für Alkoholiker bedeutet Abstinenz - auf's Liebste zu verzichten und das Leben völlig neu zu organisieren. Wem fällt so etwas schon leicht? Darum brauchen Alkoholiker Verständnis und begleitende Hilfe. Einfache Ratschläge, wie: "Höre doch endlich auf zu saufen." "Wenn du so weiter säufst, säufst du dich bald zu Tode." "Wenn ich müsste, ich könnte von heut auf morgen auf Alkohol verzichten." "Denke doch auch einmal an mich..., an deine Familie usw." helfen da nur selten. Es geht mir nicht darum, ein Übermaß an Verständnis für Alkoholmissbrauch einzufordern. Dies wäre auch regelrecht falsch.

Ich bin nur der Meinung, dass man Alkoholismus in seiner Komplexität verstehen muss, um mit Betroffenen vorurteilsfrei, offen, ungehemmt reden und umgehen zu können. Eine ehrliche, kritische und offene Auseinandersetzung, das ist das, was den Betroffenen am meisten hilft.

Die folgende kurze, kompakte Alkoholiker- Geschichte soll Ihnen helfen, eine Vorstellung von der Komplexität der Alkoholproblematik zu bekommen.

Abriss: Ich wurde 1952 geboren. Mit ca. 15 Jahren begann ich täglich Bier zu trinken. Mit 28 Jahren war ich alkoholabhängig. Im Alter von 32 Jahren stellte ich mich einer Entwöhnungsbehandlung. Mit schweren Rückfällen musste ich mich in den Jahren 1988, 91 und 93 auseinandersetzen. Seit 1994 habe ich mein " Alkoholproblem" recht gut im Griff und hoffe, dass es so bleibt.

Kurzgeschichte: Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit. Ich liebte meine Eltern und meine Eltern liebten mich. Rückblickend denke ich, meine Kindheit war völlig frei von Sorgen. Meine Eltern zeigten mir, wie schön Leben sein kann. Leider vermittelten sie mir auch, dass das Empfinden von Lebensfreude und Lebenslust mit Hilfe von Alkohol beträchtlich gesteigert werden kann. Frühzeitig verband ich positives Erleben mit Alkoholkonsum. - Trinken aus familiären Anlässen, - Trinken nach einem harten sportlichen Training, oder nach sportlichen Erfolgen, - Trinken in Kneipen als eine Art Freizeitbeschäftigung, - Trinken, um den Kopf frei von Sorgen zu haben - Trinken, um bei Tanzveranstaltungen Frauen angstfrei auffordern zu können, usw.

Da mir Alkohol immer wichtiger wurde, begab ich mich immer öfter an Orte, an denen Viele viel tranken. So entstand bei mir der Eindruck "Die ganze Welt säuft". Mein persönlicher Maßstab war, den Umgang mit Alkohol betreffend, völlig versaut. Bald wurden für mich Freizeit und Alkohol zur untrennbaren Einheit. Es war eine Zeit, in der ich hemmungslos und ohne jeglichen kritischen Abstand Alkoholmissbrauch betrieb. Es war aber auch eine Zeit, die ich als überaus glücklich empfand und als solche in meiner Erinnerung gespeichert habe. Dass sich eine derartige Leichtlebigkeit irgendwann im Leben einmal rächen könnte, kam mir damals nicht in den Sinn.

Ich kam mit meinem Leben, trotz Alkoholmissbrauch, vorerst recht gut zurecht. Ich brachte ein Hochschulstudium erfolgreich zu Ende, gründete eine Familie und hatte einen geglückten Berufseinstieg. Es vergingen mehrere Jahre, bis ich mich erstmals mit Kritiken zu meinen Trinkverhalten ernsthaft auseinandersetzen musste. Anfangs glaubte ich, es sei Neid - Neid auf mein scheinbar sorgenfreies Leben. Entsprechend waren meine Reaktionen: selbstsicher und überheblich.

Erst als es mir selbst auffiel, dass mit meinem Alkoholkonsum etwas nicht stimmen konnte, war ich bereit, etwas weniger zu trinken. Das morgendliche Zittern meiner Hände war immer stärker geworden. Es fiel mir zusehends schwerer, den vollen Arbeitstag ohne Alkohol zu überstehen Ich versuchte also, weniger zu trinken. Was aber ist weniger? Nur noch 6 Bier statt 10 Bier pro Tag? Es funktionierte nicht. Meine Abhängigkeit verstärkte sich zusehends. Bald brauchte ich meinen morgendlichen Schluck aus der Pulle, um über den Tag zu kommen. Später hielt ich es ohne nachzutrinken kaum noch länger als ein, zwei Stunden aus. Saufen wurde zum Stress.

"Wer, wenn es ihm so schlecht geht, nicht aufhört zu saufen, ist selbst daran Schuld."

Das klingt logisch, ist aber, wie schon eingangs erwähnt, für einen Alkoholiker nicht so einfach.

Der Prozess des Übergangs vom Empfinden nach angenehmen Missbrauch zur belastenden, unerträglichen Krankheit verläuft schleichend. Irgendwann halten sich Freud und Leid die Waage. Spätestens dann müsste man eine Entscheidung treffen. Eine Entscheidung zur grundsätlichen Veränderung der Lebensform. Eine Entscheidung für Lebensinhalte, die der Stimulation durch Alkohol nicht bedürfen. Ich traf diese Entscheidung damals nicht. Ich konnte mir nicht vorstellen, bis zum Lebensende ohne Alkohol, ohne Bier zu leben. Außerdem hatte ich Angst, als Alkoholiker erkannt zu werden. Ich war damals Offizier der Nationalen Volksarmee. Die Armee ging nicht gerade verständnisvoll mit Säufern um. Es war vor allem die Angst vor der vermeintlichen Schande, der Schmach für mich und die Familie, die ein Bekennen verhinderte. So trank ich heimlich weiter und versuchte, meinen schlechten psychischen Zustand mit einer Labilität des vegetativen Nervensystems zu erklären. Natürlich hatte ich ganz reale, psycho- somatische Störungen. Nur die kamen eben vom Saufen. Es war eine schreckliche Zeit. Sterbeängste und Sterbewünsche wechselten sich ab. Mit 32 Jahren glaubte ich, mein Leben sei gelaufen. Meine Frau verließ mich und die Armee entließ mich. Das erste empfand ich als Tragödie, das zweite als Glücksfall.

Nach der Entlassung aus der Armee fiel es mir relativ leicht, mich zu meinem Alkoholismus zu bekennen. Dadurch bekam ich eine zweite Chance. In einer Berliner Klinik begann für mich der zweite Teil des Lebens. Ich überstand die Entgiftung vom Alkohol ohne merkliche, bleibende Schäden. Sicher ist eine Entgiftung nach ca. 15 Jahren harten Alkoholmissbrauchs eine schlimme Angelegenheit. Man spürt die Nähe zum Tod. Körper und Geist rächen sich für all das, was man ihnen über Jahre angetan hat. Aber man braucht diese konsequente Grundreinigung des Körpers, um wieder einigermaßen vernünftig fühlen, denken und handeln zu können. Während einer viermonatigen Entwöhnungsbehandlung erfuhr ich sehr viel über Alkoholismus, Alkoholmissbrauch und Alkoholkrankheit. Ich hatte damals alles fleißig gelernt. Doch so richtig begriffen hatte ich es nicht.

Nach meiner Entlassung aus der Klinik stand ich sofort im Spannungsfeld von theoretischem Wissen und praktischer Verlockung. Natürlich hatte ich Angst, alles noch einmal durchmachen zu müssen. Natürlich hatte ich gelernt, dass der erste Schluck der Anfang vom Ende sein kann. Andererseits war die Aussicht auf lebenslange Abstinenz für mich eine Art Horrorvision. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich auf eine Kneipentür zulief - umkehrte - wieder hinlief - wegrannte, und letztlich doch in ihr verschwand.

Damit begann das ganze Drama noch einmal im Zeitraffer von vorn. Bereits in der zweiten Woche nach meiner Entlassung schlitterte ich in ein Delirium.

Ich hörte Stimmen, die es nicht gab. Ich sah Trugbilder von Mäusen und Tauben, Spinnengetier - und hatte Angst, unsagbare Angst.

Das Krankenhaus nahm mich noch einmal auf. Nach weiteren zwei Wochen Krankenhaus habe ich es dann endlich geschafft. Anderthalb Jahre kam ich ohne Alkohol aus. In dieser Zeit habe ich gelernt, dass es auch Vorteile hat, ohne Alkohol zu leben. Keine Entzugserscheinungen mehr, keinen Kater am Morgen danach. Das war auch schon etwas wert. Mir wurde aber auch schmerzhaft bewusst, wie sehr meine Persönlichkeitentwicklung durch den jahrelangen Alkoholmissbrauch gelitten hatte.

Aber so nüchtern wie ich war, kam ich gut voran. Es ergaben sich neue, hilfreiche private und berufliche Bindungen. Ich fand Menschen, die mich als trockenen Alkoholiker akzeptierten und mich bei meinen Abstinenzbemühungen unterstützten. Langsam kehrten Selbstbewusstsein und Selbstachtung wieder zurück. Ich besuchte regelmässig therapeutische Selbsthilfegruppen. Ich bekannte mich offen zu meiner Krankheit und versprach allen, die es hören wollten, nie wieder Alkohol zu trinken. Ich bemühte mich ehrlichen Herzens, trocken zu bleiben und führte einen harten Kampf um die Aufrechterhaltung meiner Abstinenz.

Dieser ewige Kampf gegen den Alkohol kostete mich jedoch einen grossen Teil meiner Lebensenergie. Regelmässig nach 1-2 Jahren war bei mir, wie man so schön sagt, die Luft raus und es kam zu schweren Rückfällen. Durch diese Rückfalle gab es in meiner Individualentwicklung immer wieder Brüche. Die Lebenssituation zwischen den Rückfällen war jedoch überhaupt nicht mehr mit der Situation vor meiner Entwöhnungsbehandlung zu vergleichen. Zwischen den Rückfällen war ich die meiste Zeit völlig nüchtern. Ich machte, so glaube ich, auf meine nähere Umgebung einen durchaus gesunden Eindruck. Niemand merkte, wie sehr ich um meine Abstinenz kämpfen musste. Und ich wollte auch nicht, dass es jemand merkt.

Immer wieder unterzog ich mein Verhältnis zum Alkohol einer kritischen Prüfung. Ich las viele Bücher, die sich mit der Alkoholproblematik befassen. Und ich habe eine Psychotherapie in Anspruch genommen. Danach begann ich, mein Leben neu zu organisieren. Ich habe Dinge in den Mittelpunkt meiner Lebensplanung gestellt, die besser ohne als mit Alkohol zu bewältigen sind.

Heute geht es mir besser. Ich kämpfe nicht mehr gegen den Alkohol. Ich glaube erkannt zu haben, dass all die Jahre nicht der Alkohol, sondern dass ich selbst mein Problem war. 

Ich kann jetzt akzeptieren, dass der Alkoholismus nicht wie ein Schicksal über mich hereinbrach, sondern dass ich jahrelang versucht habe, mein Persönlichkeitsprobleme mit Alkohol zu korrigieren bzw. zu verdrängen. Ich habe mir meine Alkoholkrankheit durch leichtfertige Sauferei selbst eingebrockt. Dass manche Menschen trotz intensiven Alkoholmissbrauchs nicht krank werden, ist für mich keine Rechtfertigung mehr. Ich beneide diese Menschen auch nicht mehr. Ich habe gelernt, für meinen Alkoholmissbrauch Verantwortung zu übernehmen. Ich habe mein Leben umorganisiert und verspüre keinerlei Lust mehr, mich irgendwann wieder einmal richtig zu besaufen. Auch kann ich mir nicht mehr vorstellen, meine Gesundheit durch gedankenlosen Alkoholkonsum zu gefährden. Ich habe damit, und das ist für mich persönlich das Wichtigste, die Angst vor einem Rückfall verloren. Ich lebe angstfrei. Dies stärkt mein Selbstvertrauen ungemein.

Ich bin mir sicher, dass man mir meine schweren Zeiten nicht mehr ansieht. Wenn mir heute jemand sagt: "Bei Dir kann es ja nicht so schlimm gewesen sein", weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Jawohl - ich habe meine Leistungsfähigkeit wieder zurückgewonnen. Ich glaube sogar, dass ich leistungsfähiger bin als so mancher, der gegenwärtig noch ungestraft übermäßig Alkoholmissbrauch betreibt. Ich finde es ohnehin nicht so toll, dass "alle" einerseits darauf achten, dass Alkoholkranke keinen Alkohol mehr trinken und andererseits die Alkoholfahnen der Missbräuchler z.B. auch während der Arbeitszeit locker tolerieren.

Alkoholismus beginnt mit Alkoholmissbrauch! Auch wer "nur" Alkoholmissbrauch betreibt, sollte alkoholbedingte Folgekrankheiten einkalkulieren.

Darum: Wer etwas gegen Alkoholismus tun will, sollte mit der Bekämpfung von Alkoholmissbrauch beginnen!

 

Knut Lindner, Suchtberater